Literaturnobelpreis 1911: Maurice Maeterlinck


Literaturnobelpreis 1911: Maurice Maeterlinck
Literaturnobelpreis 1911: Maurice Maeterlinck
 
Der Belgier erhielt den Nobelpreis für Literatur für sein »fantasievolles dramatisches Werk und seinen poetischen Idealismus«.
 
 
Maurice Maeterlinck, * Gent 29. 8. 1862, ✝ Orlamonde (bei Nizza) 6. 5. 1949; Ausbildung am Jesuitenkolleg in Gent und anschließend Jurastudium, danach freier Autor, ab 1896 lebt er vorwiegend in Frankreich, während des Zweiten Weltkriegs Übersiedlung in die USA, 1947 Rückkehr nach Europa.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Maeterlinck, der in französischer Sprache veröffentlichte, kann als ein herausragender Vertreter des Symbolismus in der europäischen Literatur um 1900 gelten. Seine Gedichte, Theaterstücke und Essays sind geprägt von einer Auseinandersetzung mit den Geheimnissen und Tiefen seelischer Vorgänge, die er mittels einer an Analogien und Metaphern reichen Sprache darzustellen versucht. Die damit verbundene Abkehr vom Naturalismus eines Henrik Ibsen oder Gerhart Hauptmann (Nobelpreis 1912), der noch kurz zuvor die Bühnen erobert hatte, machte ihn im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg zu einem der erfolgreichsten Autoren. Seine Werke erreichten bis zu fünfstellige Auflagen und wurden in alle wichtigen europäischen Sprachen übersetzt.
 
 »... keineswegs ein Polemiker«
 
Die renommierte Académie Française hatte Maeterlinck 1911, im Jahr der Vergabe des Nobelpreises, als erstem Ausländer überhaupt ihre Mitgliedschaft angetragen. Er befand sich auf dem Höhepunkt seines internationalen Ansehens. Doch ausschlaggebend für die Wahl des Nobelkomitees war sicherlich nicht allein der Publikumserfolg. Wichtiger für die Verleihung scheint seine ausgesprochen idealistische Grundhaltung gewesen zu sein. Maeterlinck war alles andere als ein politisch umstrittener Autor. »Übrigens ist Maeterlinck«, so der Laudator der Stockholmer Akademie Carl David af Wirsén, »keineswegs ein Polemiker; in fast allen seinen Werken begegnet man einer sanften und zuweilen melancholischen Seele, und darum reicht er, was dichterische Schönheit betrifft, über viele Schriftsteller hinaus, deren Weltanschauung sich vielleicht stärker auf den Begriff der Persönlichkeit stützt.« Ganz dem Bild des weltfernen Dichters entsprechend ließ der menschenscheue Autor sich durch Krankheit entschuldigen und den Preis von einem Vertreter entgegennehmen.
 
 Ein Genter Bürger
 
Maeterlinck wuchs inmitten einer großbürgerlichen und wohlhabenden Familie in der flämischen Stadt Gent auf. Alles deutete auf eine solide, gutbürgerliche Karriere hin, doch spätestens während seiner Studienzeit gewannen seine literarischen Interessen die Oberhand. Der Gedichtband »Treibhäuser« markiert im Jahr 1889 sein Debüt. Aber den eigentlichen Durchbruch brachte noch im selben Jahr die Veröffentlichung des Dramas »Prinzessin Maleine«. Der Erfolgsautor Maeterlinck pflegte einen bürgerlich-behaglichen Lebensstil; bezeugt sind etwa seine Vorliebe für gutes Essen und sein Interesse für den Boxsport. Der Erste Weltkrieg bedeutete eine tiefe Zäsur. Für ihn als Bewunderer deutscher Literatur und Philosophie war der Einfall der Deutschen in das neutrale Belgien eine traumatische Erfahrung, bedeutete zugleich aber auch eine deutliche Hinwendung zur Politik. In einer Vielzahl von Essays und Artikeln stellte er sich auf die Seite der Alliierten. In den 1920er- und 1930er-Jahren zog er sich auf ein Schloss bei Paris zurück. Noch in dieser Zeit wirkte die Erfahrung des Kriegs nach. Es entstand der längere Essay »Das Leben der Termiten« (1926), der eine beredte Warnung vor dem Heraufziehen des Totalitarismus ist.
 
 Seelenlandschaften
 
Schon Maeterlincks erstes Bühnendrama ist beherrscht von der Ideenwelt des Symbolismus und der Mystik. Der Liebe zwischen Prinz Hjalmar und der schönen Maleine stehen die vernichtenden Kräfte des Bösen in Gestalt der Königin Anna gegenüber: Die Prinzessin wird getötet, der Prinz stirbt durch Selbstmord. Anklänge an Hamlet sind hier unverkennbar. Die Personen sind gleichsam gefangen in ihrem eigenen Seelenleben, das sie zu entschlossenem Handeln unfähig macht.
 
Die Vermischung von Traum und Realität und die Verlagerung der Handlung ins Innenleben seiner Figuren erklärt auch die Vorliebe Maeterlincks für Märchenstoffe. In den 1890er-Jahren entstanden in rascher Folge eine Vielzahl von Dramen, darunter »Der Eindringling« (1891), »Die Blinden« (1891), »Pelléas und Mélisande« (1892, von Claude Debussy 1902 vertont) und einige Marionettenspiele.
 
Sein vermutlich bekanntestes Stück ist »Der blaue Vogel« (1908). In diesem Märchendrama vermag ein Zauberstab die Seele von Tieren und Dingen zur Erscheinung zu bringen. Am Vorabend des Weihnachtstags begeben sich zwei Kinder mit seiner Hilfe auf die Suche nach dem blauen Vogel, dem Symbol der höchsten Wahrheit, und dringen bis in das Reich der Toten vor. Maeterlincks Stücke sind hier wie auch an anderer Stelle geprägt vom weitgehenden Verzicht auf eine durchgehende Handlungsführung, seine Figuren sind Träger von Ideen bis hin zum Schematischen.
 
 Eine Philosophie des Schweigens
 
Maeterlinck meldete sich auch als Essayist zu Wort. In seiner ersten, 1896 erschienenen Essaysammlung mit dem Titel »Der Schatz der Armen« umkreist er vor allem das Motiv des Schweigens: »Sobald die Lippen schlafen, erwachen die Seelen und begeben sich an die Arbeit; denn das Schweigen ist jenes an Überraschungen, Gefahren und Glück reiche Element, in dem sich die Seelen frei besitzen.« Das Schweigen hat für ihn einen höheren Wert als das Sprechen, womit es nicht zuletzt auch im Dienst philosophischer Erkenntnis steht. Die Option für das Schweigen führt bei Maeterlinck zu einer Auseinandersetzung mit der Tradition des Mystizismus. Er sucht nach den Möglichkeiten einer Sprache jenseits der Sprache. Auf ähnliche Weise ist er in »Das Leben der Bienen« (1901) den Geheimnissen einer Welt jenseits sprachlicher Ausdrucksweisen auf der Spur. Es geht ihm hier nicht um exakte Wissenschaft, sondern um Erzählung verborgener Zusammenhänge aus genauer Kenntnis und Beobachtung der Insekten heraus und das Staunen vor der »unbegreiflichen Organisation der geringsten Lebensakte«.
 
 Ein Vergessener der Moderne?
 
Maeterlinck erlebte seine große Zeit in den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg. Die Zuerkennung des Nobelpreises trug jedoch nicht nur den zuvor entstandenen Werken Rechnung, sondern markiert zugleich auch den Höhepunkt seiner literarischen Leistung. Die späteren Werke reichen in ihrer Qualität kaum an das zuvor Erreichte und sind heute vergessen. Es ist das symbolistisch geprägte Frühwerk mit den Dramen und Gedichten der 1890er-Jahre, das ihm einen bleibenden Platz in der Geschichte der modernen Literatur sichert.
 
S. Siemer

Universal-Lexikon. 2012.


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